Kinder, Kinder, wie die Zeit doch vergeht. Vor gerade mal drei Monaten hatte ich kein Dach über dem Kopf, habe mir alles mögliche abgefroren, aber es war eine geile Zeit. Es kommt mir vor als wäre es schon Ewigkeiten her… Das ist der zweite, ebenfalls längliche Teil meines Berichts zur Nordkappfahrt. Bilder gibt es wieder ganz unten.

Wer den ersten Teil noch nicht gelesen hat, der möge es bitte nachholen: Teil 1

2014-06-27: Nordkapp über Alta nach Nordkjosbotn

Es ist unglaublich still, als ich morgens auf der Nordkappinsel in meinem Zelt liege. Mein Reiseziel habe ich erreicht. Ab jetzt beginnt die Rückfahrt. Beim Frühstück und anschließenden Zusammenpacken überlege ich noch einmal zum Nordkapp zu fahren. Schließlich gilt die Eintrittskarte für 48 Stunden. Ich beschließe direkt die Rückfahrt anzugehen, da mir nicht klar ist, was ich von einem weiteren Besuch dort erwarte. Auch wenn es ein besonderer Ort ist – noch mal zwei, drei Stunden dort abhängen macht für mich keinen Sinn. Diese Zeit nutze ich lieber unterwegs für mehr Pausen. In Honningsvag wird vollgetankt, dann geht es zurück.

Auf dem Weg nach Alta überholt mich ein Krankenwagen. Wenig später komme ich zu einem Motorradunfall. Einer der Italiener, die auf dem gleichen Campingplatz übernachtet haben, ist gestürzt. Glücklicherweise scheint ihm nicht passiert zu sein. Er sitzt auf einem Stein und der Arzt redet mit ihm. Seine Maschine hatte allerdings nicht so viel Glück. Sie sieht mächtig zerstört aus. Die Unfallstelle ist an einer langen kerzengeraden Stelle. Ich vermute, dass er sich zu sehr auf die Landschaft konzentrierte und dann, ohne es zu merken, in den Graben fuhr. Er hatte verdammtes Glück. Die Strasse ist gesäumt von großen scharfkantigen Felsbrocken, vermutlich liegengeblieben, als die Strasse in den Fels gesprengt wurde. Hier möchte man nicht wirklich stürzen.

Bis kurz vor Alta macht mir wieder das kalte Wetter zu schaffen. Doch dann wird es wärmer. Zum dritten Mal bin ich nun in Alta und das Wetter hier hat mich noch nie enttäuscht. Nach einer Pause geht es bei herrlichem Wetter weiter. Eigentlich sollte der Weg von Alta aus über Enontekiö in Finnland und Kiruna weiter nach Narvik führen. Grund für diesen geplanten Umweg war eine fantastische Strecke, die ich von meinen letzten Reisen hierher kenne. Ich entscheide mich aber um und fahre direkt auf der E6 Richtung Narvik. Laut Karte müsste es da nochmal über ein höher gelegenes Gebiet gehen. Da hier nur wenige Höhenmeter ausreichen, damit die Temperatur gleich wieder runter geht, wähle ich die Route am Meer entlang. Das hat allerdings auch seine Nachteile. Das Vorankommen in Norwegen, darf man nicht überschätzen. Die Strassen schlängeln sich an Fjorden entlang und sind oft nicht einsehbar. Statt der erlaubten 90km/h fährt man häufig hinter einem langsamen Auto her, bis man eine Stelle zum Überholen gefunden hat. Hält man dann irgendwo an, um Fotos zu machen, hat man die bereits überholten Fahrzeuge wieder vor sich. Und es gibt viele Stellen an denen man zum Fotografieren anhalten möchte und vergleichsweise wenige an denen man überholen kann.

An einer Baustelle staut es sich plötzlich und ich muss eine halbe Stunde warten, bevor es weiter geht. Die Baustelle entpuppt sich als riesiger Felsbrocken der aus der Felswand gebrochen ist und im Asphalt steckt als wäre dieser weiche Butter. Die Gewalt von so einem Einschlag muss gewaltig sein, man kann es sich kaum vorstellen.

Das Wetter wird immer besser und ich glaube, dass ich heute Nacht nicht frieren werde.

2014-06-28: Von Nordkjosbotn nach Fauske

Heute war der erste richtig schöne Tag. Das Winterfutter habe ich vorsichtshalber aus der Hose entfernt, um nicht im eigenen Saft zu garen. Ebenso blieb die Softshelljacke unter der Motorradjacke weg. Wie gestern bereits ziehen sich in Norwegen die Strecken hin. Wenn aber alles frei ist, macht das Fahren richtig Spaß. Schöne kurvige Strassen durch eine tolle Landschaft. In Narvik mache ich einen kleinen Zwischenstop. %Infos über Narvik einfügen% Mich spricht die Stadt eher nicht an und so mache ich mich wieder weiter auf den Weg Richtung Trondheim. Am Saltstraumen bei Fauske wollte ich eigentlich angeln. Nur hat die Angel, auch wenn sie klein ist, leider nicht mehr ins Gepäck gepasst. Am Ende ist das auch gut so, sonst wäre der Urlaub in der Abarbeitung einer Liste von Aktivitäten ausgeartet.

Der Campingplatz in Fauske ist etwas außerhalb und schön gelegen. Nur die Betreiber sind etwas gewöhnungsbedürftig. Über Grunzlaute und Kopfbewegungen wird mir beim Einchecken klargemacht, was ich wie ausfüllen muss. Das ist übrigens der erste Campingplatz, der keine Steckdosen im Aufenthaltsraum hat, was ich für kleinlich halte. Empfehlen kann ich diesen Campingplatz (Fauske Camping og Motell) nicht. Mehr gibt es heute nicht zu sagen.

2014-06-29: Von Fauske nach Steinkjer

Bei sonnigem Wetter starte ich Richtung Süden. Anfangs ist es eine nette Strecke, mehr aber auch nicht. Nach einer Weile komme ich ins Saltdalen, eine wunderschöne Gegend. Die Strasse führt durch Wälder an einem tossenden Fluss entlang. Das Saltdalen durchquert man sehr schnell, daher sollte man sich im Nationalparkcenter über die möglichen Wanderwege informieren und es sich genauer anschauen. Ich halte nur kurz an einem der Parkplätze entlang der E6 an und erkunde die nähere Umgebung, bevor es weiter geht. Kurz darauf geht es wieder höher. Auf dem Saltfjellet bietet sich heute eine geniale Rundumsicht. Schneebedeckte Gipfel und Sonnenschein. Hier oben verläuft auch der Polarkreis.  Das dafür erbaute Gebäude und der Parkplatz sind gerammelt voll. Ich fahre erst gar nicht hin, sondern mache auf einem Parkplatz daneben Mittagspause. Nachdem ich wieder ins Tal Richtung Mo i Rana gefahren bin, wird die Strecke eher langweilig. Die Landschaft wird von Landwirtschaftsflächen bestimmt. Sie ist schön kurvig und ich habe kaum Verkehr. Also lasse ich es laufen. Als ich in Steinkjer ankomme, überlege ich hier mein Zelt aufzuschlagen oder weiter nach Trondheim zu fahren. Da der Himmel aber mittlerweile ziemlich nach Regen ausschaut und es bereits halb Acht ist, beschließe ich, dass für heute Schluß ist.

Ich hatte gehofft, dass der Kelch an mir vorübergeht, aber heute erwischt es mich doch. Ich baue mein Zelt im Regen auf. Und leider hat dieser Campingplatz als Steigerung zu gestern, keinen Aufenthaltsraum. Nachdem ich mein Zelt aufgeschlagen habe, fahre ich in die Stadt, um etwas zum Abendessen zu besorgen, aber alles ist zu. Ja, es ist Sonntag, allerdings steht auf zwei der drei Supermärkte die finde, dass auch sonntags bis 23Uhr offen ist, nur heute irgendwie nicht.

Die erste Woche (Link) hat Spuren hinterlassen, meine Fingerspitzen kribbeln noch immer und sind leicht taub. Hoffentlich verschlechter sich das Wetter nicht mehr, damit die Finger nicht weiter leiden müssen.

2014-06-30: Von Steinkjer nach Kristiansund

Vom Regen werde ich morgens geweckt. Während ich überlege, wie ich das Innenzelt möglichst trocken abbaue, hört es mit regnen auf. Das wäre dann auch geklärt. Ich packe meine Sachen zusammen, tanke und fahre weiter Richtung Trondheim. Die Strecke an sich ist völlig unspektakulär. Dort angekommen, scheint die Sonne und es ist richtig warm. Das Motorrad parke ich in der Nähe es Nidarosdoms und laufe eine kleine Runde. Trondheim ist auf jeden Fall einen Besuch wert, nur sollte man mindestens einen Tag einplanen, den habe ich aber nicht und eine Städtetour war auch nicht geplant. Ich fahre weiter nach Kristiansund. Schöne Motorradstrecke und landschaftlich besser als gestern.

Für heute ist in Kristinansund Schluss, also ab zum Campingplatz. Nachdem das Zelt aufgebaut ist, fahre ich noch in die Stadt. Kristiansund ist sehr schön. Schöne alte Häuser und Einkaufstrasse direkt am Hafen. Der Weg hierher lohnt sich auf jeden Fall. Morgen geht es weiter Richtung Süden über die Atlantikstrasse und dann zum Trollstigen.

2014-07-01: Von Kristiansund zum Trollstigen

Eigentlich sah der ursprüngliche Plan den Geirangerfjord als Wegpunkt vor. Ja, der Geirangerfjord ist imposant. Geiranger selber nicht. Dort war ich schon mal und beschließe, dass Alesund die bessere Alternative ist. Also starte ich morgens von Kristiansund Richtung Atlantikstrasse, einem ca. 10 Kilometer langen Abschnitt auf dem acht Brücken kleinere Inseln miteinander verbinden. Leider ist das Wetter etwas trübe, dafür sind morgens kaum Wohnwägen unterwegs. Beim letzten Mal hier hielten die Spezialisten mitten auf der Strasse an, um Fotos aus dem Auto zu schießen. Es geht weiter nach Molde, wo ich die Fähre nach Vestnes nehme und dann weiter Richtung Alesund fahre. In Alesund gibt es den berühmten Aussichtspunkt Aksla, der weit über der Stadt liegt. Dort angekommen habe ich bei fantastischem Wetter einen super Blick über Alesund und die umliegenden Inseln. Nach einem kurzen Abstecher in die Stadtmitte geht es wieder zurück zur letzten Attraktion des heutigen Tages, den Trollstigen. Dort angekommen, fahre ich die Serpentinen, die ich so schmal nicht in Erinnerung habe hoch zum mittlerweile hochmodernen Besucherzentrum. Das letzte Mal, als ich hier war, standen hier ein paar Hütten. Die letzte Strecke für den heutigen Tag führt mich nach Dombas. Dombas sah auf der Landkarte eigentlich recht groß aus. Tatsächlich ist das ein riesiger Rastplatz mit Geschäften aller Art. Klar, die Orte an denen ich heute war, werden auch von Reisebussen angesteuert und auf dem Weg Richtung Oslo kommt man an Dombas nicht vorbei. Dort angekommen, fahre ich auf den ans Hotel angeschlossenen Campingplatz. Nach fast zwei Wochen kann ich das erste Mal nicht mit Karte zahlen. Morgen verlasse ich Norwegen, darf aber jetzt noch einmal Kohle am Automat abheben…super!

2014-07-02: Von Dombas nach Helsingborg

So habe ich mir das nicht vorgestellt. Von Dombas Richtung Oslo ist es ein elendes Gegurke, bei dem ich fast eingehe. Die meiste Zeit ist auf 70 km/h beschränkt. Dann endlich, etwa 100km vor Oslo, geht die  Beschränkung hoch auf 100. Ab jetzt läuft es. Keine Orte mehr durch die man gurken muss. Es geht recht schnell nach Oslo rein und dann weiter auf der E6 Richtung Göteburg. Kurz vor der Grenze  geht die Beschränkung geht hoch auf unglaubliche 110 km/h. Ab über die Grenze nach Schweden und weiter geht es auf der Autobahn. Ich durchfahre mit kurzem Stau, Göteborg und überlege, ob ich in Schweden übernachte oder es noch nach Dänemark schaffe. Da ich aber langsam müde bin und nach einem Regenguss langsam friere, endet mein Weg heute in Helsingborg. Morgen geht es mit der Fähre nach Helsinggor und dann weiter Richtung Rodby. Ich könnte auch über die Öresundbrücke fahren. Das wäre aber eine etwas längere Strecke.

Auf dem Supermarktparkplatz haut es mich dann fast doch noch mit dem Motorrad hin. Als ich natürlich mit 80 Sachen vom Parkplatz fahre (bis auf ein paar wenige Autos ist um diese Uhrzeit nichts mehr los), verpasse ich natürlich die Ausfahrt. Kupplung ziehen, wenden klappt noch. Als ich noch in Schräglage bin kupple ich wieder ein und gebe Gas. Nur habe ich vergessen runterzuschalten. Im fünften Gang klappt das nicht ganz so gut. Das Motorrad macht einen Satz, mich haut es dabei nach vorne gegen die Hupe. Damit habe ich die volle Aufmerksamkeit der wenigen dort stehenden Leute. Maschine abgewürgt. Ich schaffe es den Motor wieder anzuwerfen und weiterzufahren. Definitiv, geht es jetzt ins Zelt zum Schlafen, der Tag war doch etwas lang.

Mittlerweile geht es meinen Fingerkuppen wieder besser . Das Taubheitsgefühl verschwindet langsam.

2014-07-03: Von Helsingborg nach Hause

Am letzten Tag meiner Reise liegt die längste Teilstrecke mit knapp über 1000 km vor mir. Ich habe mir den Wecker gestellt, da ich die Tage zuvor immer etwas verschlafen habe. Um sieben Uhr ist das Motorrad fertig gepackt und es geht zur Fähre. Im Fährhafen angekommen, legt dieser gerade an, perfektes Timing. Die Überfahrt nach Dänemark dauert nur ein paar Minuten. Nach weiteren zwei Stunden komme in Rodbyhavn an. Hier ist es wieder etwas kälter und ich leicht verfroren. Um die Mittagszeit fahre ich in Puttgarden von der Fähre und es geht, bei bestem Wetter, weiter Richtung Hamburg.  Zurück in Deutschland brennt die Sonne ziemlich runter, so dass es mir in meiner Motorradkleidung recht warm wird. Je weiter in ich den Süden Deutschlands komme, desto heißer wird es. Mittlerweile zeigt das Thermometer 28 Grad an. Sobald ich in stockenden Verkehr komme oder eine Baustelle durchfahre, spüre ich noch zusätzlich die Hitze des Motors, da der Fahrtwind fehlt. Mittlerweile sind Innenfutter aus der Motorradjacke in die Seitenkoffer gewandert und der Reißverschluss geht nur bis zur Brust. Als ich am Rasthof Rhön bin, beschließe ich vorbeizufahren und nicht zu tanken. Hier endete vor vier Jahren meine Rückfahrt mit einem Blechstück, dass sich in den Reifen gebohrt hatte. Dieser wurde damals so heiß, dass ich dicke Gummiwürste einfach vom Reifen ziehen konnte. Damals hatte ich verdammtes Glück, den das Stück zuvor habe ich Richtig Gas gegeben auf der Autobahn. Dabei fällt mir auf, dass der Hinterreifen, der damals aufgezogen wurde noch immer der gleiche ist – ich bin die letzten Jahre wirklich wenig gefahren. In Würzburg tanke ich das letzte Mal bevor es final nach Hause geht. Die Reifen sind ordentlich abgenutzt. Der Hinterreifen, mehr als zulässig. Eine Kontrolle wäre jetzt das Letzte was ich brauche.

Als ich Abends endlich zu Hause ankomme, ist es irgendwie komisch nach diesen zwei Wochen plötzlich wieder ein festes Dach über dem Kopf zu haben. Um zwei Uhr morgens sitze ich noch da, weil ich noch immer nicht von der Fahrt runter kommen kann. Die kalten Finger sind vergessen. Es war eine fantastische Fahrt.